60 Jahre Wisente - Wald & Holz Skip to main content

60 Jahre Wisente in Hardehausen

Eine Erfolgsgeschichte für den Artenschutz

Die Bestandteile der biologischen Vielfalt sind im Hammerbachtal zwischen Scherfede und Hardehausen groß, braun-behaart und bisweilen über eine Tonne schwer. Die Wisente im Wisentgehege Hardehausen, das zum Regionalforstamt Hochstift gehört, sind längst zu einem Wahrzeichen der Region geworden. Die Anlage wird in diesem Jahr 60 Jahre alt und zählt damit zu den ältesten Einrichtungen in Europa. Im Hinblick auf den Arterhalt des Wisents ist die Hardehausener Zucht mit über 200 Kälbern eine Erfolgsgeschichte. Diese wäre allerdings zuvor fast im Drama geendet. Denn der europäische Wisent stand kurz vor dem Aussterben.

großer Wisentbulle
Der bekannte Wisentbulle "Pokémon" in der Flachlandwisent-Herde im Wisentgehege Hardehausen (Foto: Rainer Glunz, Wald und Holz NRW)

Internationale Zusammenarbeit zum Arterhalt

Das Verschwinden der Wisente aus der freien Wildbahn durch Lebensraumverlust, Jagd und Wilderei zog sich über Jahrhunderte hin und fand in der Mitte der 1920er Jahre mit dem Erlöschen freier Wisente im Urwald von Bialowieza und im Kaukasus einen traurigen Höhepunkt. Von den beiden Unterarten Bergwisent und Flachlandwisent lebten weltweit nur noch 54 Tiere, die 1923 für das neu entstandene Zuchtbuch inventarisiert worden waren. Besonders problematisch: genetisch stammten diese Wisente nur von 12 so genannten „Gründertieren“ ab, und von der Unterart Bergwisent lebte mit dem Bullen „Kaukasus“ tatsächlich der letzte seiner (Unter-)Art in Hagenbecks Tierpark. Enger kann ein genetischer Flaschenhals nicht sein. Ein internationales, aus Deutschland mit viel Idealismus initiiertes, Arterhaltungs-und Zuchtprogramm wurde auf den Weg gebracht und an mehreren Orten in Europa Wisentgehege zum Arterhalt angelegt.

Männer schleusen Wisente in das Gehege
Mai 1958 - Die ersten drei Wisente aus Springe und Hellabrunn bei München ziehen in das Wisentgehege Hardehausen ein. Sie heißen Sprühteufel, Hekla und Henriette. (Foto: Museum im „Stern“, Archiv Erich Kesting)

Wisente ziehen durch das Eggegebirge

So auch im ostwestfälischen Hardehausen, wo der aus Schlesien stammende Forstmann Heinz Rache zunächst die Idee und dann das Wisentgehege platzierte. Stattliche 60 Hektar Wald und Wiese stehen seitdem den Bergwisenten zur Verfügung. Kaum ein anderes Gehege in Deutschland verfügt über einen solch hohen Anteil Wald, der den Wisenten ganzjährig zur Verfügung gestellt wird. Neben der artgerechten und großzügigen Haltung ist im Laufe der sechs Jahrzehnte weitgehend unbewirtschaftet und beweidet ein ökologisch besonderer Hutewald im östlichen Hammerbachtal entstanden. Welche (seltenen) Arten von der Anwesenheit der Wisente besonders profitieren, wird seit letztem Jahr intensiver untersucht.

Zwei Herden für den Arterhalt

Auf der anderen Talseite, am Anfang des Schwarzbachtals, entstand im Jahr 2004 ein zweites, 80 Hektar großes Wisentgehege, wo, einige Jahre europaweit einmalig, die zweite Wisent-Unterart weidet. Anders als die Bergwisente als Mischform existieren die Flachlandwisente noch als reinblütige Nachzuchtlinie. Ihr Gesamtbestand ist insgesamt allerdings deutlich geringer als bei den Bergwisenten. Zudem züchten nur wenige Haltungen in Deutschland Flachlandwisente. Wie bei den Bergwisenten werden auch die Flachlandwisente deutschland- und europaweit im Rahmen des internationalen, über die Uni Warschau koordinierten Zuchtprogramms auf die Reise geschickt. So sind seit letztem Sommer zwei Wisentkühe aus dem Eggegebirge auf der dänischen Insel Lolland zu Hause.

Naturerleben und Biodiversität

Sicher hat sich die Bedeutung des Wisentgeheges als Ort der Erholung und für das Naturerleben des Menschen insbesondere in den letzten Jahrzehnten stetig gewandelt und ist durch die Einrichtung des Waldinformationszentrums Hammerhof vor 14 Jahren auf eine andere Ebene gestellt worden. Doch die Aufgabe des Geheges für den Erhalt des Wisents ist heute wie damals dieselbe. Auch bei etwa 6.000 Tieren in beiden Linien auf der Welt ist die Kuh noch nicht vom Eis. Der Wisent ist noch nicht dauerhaft gerettet. Nach wie vor bleibt die Notwendigkeit des intensiven und wissenschaftlich koordinierten Austausches von Tieren, um genetisch die Vielfalt zu nutzen, die in den Wisenten noch vorhanden ist. Dieser Aufgabe stellen sich Forstleute in Hardehausen seit 60 Jahren, wo mittlerweile nicht nur die Nachzucht der eigenen Tiere betrieben, sondern als Regionalzentrum West auch andere Züchter in Deutschland betreut und beraten werden. Die offizielle Jubiläumsfeier ist für den 30. Mai geplant.

Weitere Bilder

Wisent wirft Neugeborenes aus
neugeborenes Wisent im Gras
Neugeborenes unter der Mutter
Neugeborenes schmust mit der Mutter
kleines Wisent
Gruppenfoto

Verfasser

Wald und Holz NRW
Jan Preller
Walme 50
34414 Warburg-Scherfede

Tel.: 05642/94975-14
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