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Förderung für
den Waldbesitz

Vogelbeobachtung zum Tag der Artenvielfalt –

Nur was man kennt, kann man schützen

21.05.21Pressemitteilung

Häufig haben Försterinnen und Förster spezielle Interessen oder Hobbys, die sich mit ihrem Beruf gut verbinden lassen. Wer sich für die Geschichte des Waldes interessiert, stößt während der Arbeit unweigerlich über historische Spuren. Die Hobby-Drohnenpilotin oder der -pilot kann diese Fähigkeit zum Beispiel sehr sinnvoll bei der Borkenkäferbekämpfung einsetzen. Der Kollege Michael Börth aus dem Regionalforstamt Ruhrgebiet hat eine besondere Verbindung zu den Tieren der Lüfte. Die Vögel haben es ihm besonders angetan. Sie begleiten ihn zwangsläufig bei der Arbeit im Wald. In seiner Freizeit beobachtet er sie genussvoll. Zum Tag der Artenvielfalt lässt er uns an seinem reichen Wissen über das (Zug-) Verhalten und die Stimmen zahlreicher Vögel teilhaben. Ein Wissen, dass für Michael Börth auch für die Arbeit im Wald von unschätzbarem Wert ist:

Was ist das beliebteste Gartenmöbelstück für den Hobbyornithologen? Besonders zu Zugzeiten der Vögel ist es die Gartenliege. Bequem in Rückenlage den Himmel beobachtend, Fernglas und Notizblock in Greifweite und vor allem die Ohren weit aufgesperrt. Denn viele Arten können den Schnabel nicht halten und machen zum Beispiel durch Zug- oder Kontaktrufe auf sich aufmerksam, wenn sie unterwegs in ihre Brutgebiete sind. Dazu gehören die Rotdrosseln. Eine in Skandinavien und Sibirien beheimatete Kleindrossel mit hellem Streifen über den Augen, rostroten Körperflanken und Unterflügeln. Sie hat in Westeuropa, teils auch in Südwestdeutschland überwintert und überfliegt nun unser Bundesland, grobe Zugrichtung Nordost. Wer sie tagsüber nicht sieht, wie sie in kleinen Gruppen, manchmal auch größeren Zügen und dann gern auch in Gesellschaft mit Wacholderdrosseln im klassischen Wellenflug daherfliegt, wird sie nachts hören können. Ihr eher zarter und hoher Flugruf, der sich anhört wie ein „Siiieh“ oder „Ziieh“, ist kaum zu verwechseln. Und wer dann, aufmerksam geworden, Glück hat, kann sogar die Silhouetten ihrer kleinen Gestalten vor dem leuchtenden Vollmond dahinhuschen sehen. 

Kalte Füße konnte auf der Gartenliege bekommen, wer den Zugverlauf durch die Kaltwetterlage der ersten Februarwochen hindurch beobachten wollte. Denn nach dem bis dahin milden Winter hatten sich Kraniche bereits im Januar aus ihren Überwinterungs-gebieten in der Champagne Frankreichs auf den Weg gemacht und waren nach Deutschland und sogar weiter nach Osten vorangekommen. Dort wurden sie urplötzlich von der eisigen Kaltluftwalze aus dem Herzen der Arktis überrascht. Was nun? Auf tief verschneiten Feldern und hartgefrorenen Böden gab es kaum etwas zu fressen. Also Rückzug! Winterflucht in die entgegen-gesetzte Richtung: Südwest. Und so war es ungewöhnlich, ein für die Jahreszeit eher untypisches Geisterfahrerverhalten, den Flug entgegen der jahreszeitlich eigentlich gebotenen Richtung, erleben zu können.

Auch auf die Szene der Waldvögel wirkte sich das Witterungs-geschehen aus. So hatten sich viele Waldschnepfen schlichtweg verzockt, die da meinten, sie könnten von ihrem vormaligen Zug-verhalten abweichen, auf den Klimawandel setzen und einfach in ihren Brutgebieten Südschwedens und Dänemarks überwintern. Wäre da nicht der eisige Gruß der Arktis über sie gekommen. Nun mussten auch sie ausweichen und erschienen in großer Zahl zum Beispiel an den Küsten der Nordsee, teils bis nach Helgoland, um die Kaltphase dort abzuwarten. Waldvögel im Gezeitensaum des Meeres. Ein besonderer Anblick.

Da hatten es die Vogelarten, die sich eher bieder an die Regeln halten, bisher etwas einfacher. Obwohl: Was die Vegetation betrifft, liegt ihr Entfaltungsfortschritt witterungsbedingt etwa vierzehn Tage hinter ihrer durchschnittlichen Entwicklung zurück. Dennoch sind viele Zugvögel und Teilzieher wieder zuhause: Mönchsgrasmücken sind aus ihren Überwinterungsgebieten in Südengland zurückgekehrt und lassen ihren unverwechselbaren Gesang aus zwitschernder Einleitung und tönend flötender Vollstrophe fast aus jedem Park, Vorgarten und Waldrand ertönen. Ihre Geschwisterart, die Dorngrasmücke, hat ihr Brutbiotop aus eher trockenen, halboffenen Gebüschstrukturen wiedererobert und verteidigt ihr Revier mit ihren eher schlichten, kratzend klingenden Strophen. Die Klappergras-mücke, deren Namensbezeichnung sich vom Klang ihrer Liedstrophe ableiten lässt, ist auch wieder da. Als Langstreckenzieherinnen haben die beiden letztgenannten Grasmücken den weitesten Weg aus ihren Überwinterungsgebieten im tropischen Afrika südlich der Sahara hinter sich.

Das Jahr schreitet voran. So lohnt es sich nicht nur für Hobby-ornithologen und Vogelkundlerinnen, die gemütliche Gartenliege bald zu verlassen, hinaus in die Natur zu gehen und die fortschreitende Entwicklung der Vogelwelt zu beobachten. Zu hören, wie die anfänglich dominierenden Reviergesänge im Laufe der Zeit abebben. Das aufkommende Brutgeschäft fordert zunehmend Kraft und Aufmerksamkeit der Elternvögel. Wie dann plötzlich neue Laute vernehmbar werden, Bettellaute der Jungvögel, die abseits der Nester auf Ästen hocken und sich dort füttern lassen. Wie ganze Kohlmeisenschulen mit laut plärrenden Jungvögeln unterwegs sind. Die Jungen lernen dabei, sich selbst zu ernähren. Aber auch zu sehen, wie ein Sperber mit rasanter Jagd und eisernem Griff einen Buchfinken packt, ihm an einem Rupfplatz die Federn ausreißt, um ihn dann an seinem Horst für seine Jungen zu tranchieren. Die Jungen des Buchfinken blicken jedoch in eine düstere Zukunft, denn eine Waisenrente gibt es für sie nicht. Wie dann etwa ab Anfang Juli die Singvogelwelt mehr und mehr verstummt: Die Mauser der Vögel setzt ein.

Und dann: Wie sich ab Anfang August, nach ihrem dreimonatigen Brutgastspiel, die Mauersegler wieder auf ihren Weg nach Südafrika machen, um dort bis zu ihrer Rückkehr im Mai des kommenden Jahres ununterbrochen in der Luft zu bleiben. Denn sie machen alles im Fliegen: Sie ernähren sich von Luftplankton aus Insekten und kleinen Spinnentieren, schöpfen Wasser aus Seen und Flüssen, baden sich in Regenschauern, paaren sich tollkühn und todesverachtend in großen Höhen. Sie schlafen sogar in der Luft, indem sie abwechselnd ihre Hirnhälften in einen Ruhemodus versetzen. Einzig ihre kurze Brutzeit hier bei uns zwingt sie von den Flügeln zum Brüten und hudern der Jungen.

Das Vogeljahr hat begonnen. Es liegt an uns, es mitzuerleben.

Pressekontakt

Wald und Holz NRW
Michael Blaschke
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