Industriewald Ruhrgebiet

Das Industriewaldprojekt Ruhrgebiet umfasst heute rund 180 Hektar Wald auf neun ehemaligen Zechenstandorten. Etwa 43 Hektar davon sind mittlerweile Staatswald des Landes Nordrhein-Westfalen.

belaubter Mischwald im Vordergrund, Wohnhäuser und Industriegebäude im Hintergrund.

Entstehung eines einzigartigen Waldprojekts

Mit der Internationalen Bauausstellung (IBA) Emscher Park 1989-1999 entstand ein in Deutschland einzigartiges Vorhaben. Im „Industriewald Ruhrgebiet“ verbinden sich Stadt- und Landschaftsentwicklung, Klima- und Artenschutz, Erholungsnutzung und Ausgleichsfunktionen in beispielhafter Weise.

Seit 1996 werden – zu Beginn unter Federführung der IBA und später der Landesforstverwaltung – ehemalige Industrieflächen der natürlichen Vegetationsentwicklung überlassen. Dazu zählen vor allem stillgelegte Zechen- und Kokereigelände. Nach dem Rückbau der meisten Gebäude blieben einzelne Relikte der Industriekulisse bestehen. Sie prägen nicht nur das charakteristische Erscheinungsbild, sondern bieten auch wertvolle Lebensräume für spezialisierte Tier- und Pflanzenarten.

Vom Rohboden zum neuen Wald

Die Industriewälder entstehen durch natürliche Sukzession – also die allmähliche Wiederbesiedlung von Böden durch Pflanzen und Tiere. Aus zunächst kargen Flächen mit Moosen, Gräsern und Kräutern entwickeln sich über Jahrzehnte artenreiche, lebendige Wälder.

Typische Pionierpflanzen wie Natternkopf, Nachtkerze oder Goldrute bereiten den Boden für Sträucher und Bäume wie Weiden, Erlen, Holunder oder Sandbirken. Nach 10 bis 20 Jahren entsteht ein neuer, meist birkengeprägter Wald, der durch seine Standortbedingungen besonders widerstandsfähig und ökologisch wertvoll ist.

Trotz schwieriger Ausgangsbedingungen – etwa Nährstoffarmut, Bodenverdichtung oder Sommerdürre – entwickeln sich hier Lebensräume für seltene und bedrohte Arten. So entstehen auf verdichteten Böden kleine Gewässer, die Libellenarten wie den Plattbauch oder Amphibien wie die Geburtshelferkröte anziehen.

Mann steigt Steintreppen eines Waldweges hinab. An der Leine führt er einen Hund. Recht und links stehen teils belaubten Bäume.

Merkmale des Industriewalds

Die Industriewälder im Ruhrgebiet sind ein einzigartiger Landschaftstyp, der beispielhaft für den Strukturwandel der Region steht. Sie zeichnen sich durch folgende Prinzipien aus:

  • Zulassung der spontanen Vegetationsentwicklung
  • Einbindung in das Stadtgefüge – die Wälder liegen mitten im urbanen Raum
  • Öffentliche Zugänglichkeit und erlebnisorientierte Nutzung
  • Minimaler Pflegeaufwand – nur zur Verkehrssicherung oder Müllbeseitigung
  • Freie Aneignung durch die Bevölkerung als Orte der Erholung und Begegnung
  • Wissenschaftliche Begleitung und dauerhafte Beobachtung der ökologischen Entwicklung
  • Erhalt von Industriearchitektur als prägendes Element und historisches Zeugnis

Bedeutung für Mensch und Natur

Im Laufe der Jahre hat sich ein Netz junger Industriewälder entwickelt, das heute als grüne Oase mitten im Ruhrgebiet dient. Die Wälder bieten Ruheräume für die stille Erholung, aber auch Aktivräume für Freizeit und Bewegung – direkt in Wohnnähe.

Neben der Erholungsfunktion übernehmen sie wichtige ökologische Aufgaben:

  • Schutz von Klima, Boden und Wasser
  • Förderung der Biodiversität auf extremen Standorten
  • Forschung und Umweltbildung
  • Beitrag zur städtebaulichen Entwicklung und Aufwertung von Konversionsflächen

In enger Abstimmung mit unseren Försterinnen und Förstern wird nur behutsam und punktuell in natürliche Prozesse eingegriffen – etwa zur Artenförderung oder zur Sicherung von Wegen und Bauwerken.

Forschung und Monitoring

Um die Entwicklung der Industriewälder wissenschaftlich zu begleiten, werden auf Dauerbeobachtungsflächen regelmäßig Daten erhoben – unter anderem zu:

  • Boden und Bodenbiologie
  • Vegetation und Biotoptypen
  • Waldstruktur
  • Flora und Fauna

Diese Erkenntnisse tragen zur Forschung über Ökosysteme auf Industriebrachen bei und sind Grundlage für nachhaltige Weiterentwicklung.

Bildung und Beteiligung

Die Industriewälder sind zugängliche Lern- und Erlebnisorte – besonders für Kinder und Jugendliche.
Viele Kindergartengruppen und Schulklassen erreichen die Flächen fußläufig und können sie gemeinsam mit forstlich geschulten Umweltpädagoginnen und -pädagogen erkunden.

Projekte an der Forststation Rheinelbe ermöglichen regelmäßige Naturerfahrungen direkt im urbanen Raum. Sie fördern das Bewusstsein für ökologische Zusammenhänge und nachhaltiges Handeln.

Perspektive: Wilde Wälder als Zukunftsaufgabe

Im Sinne der von den Vereinten Nationen ausgerufenen UN-Dekade „Ecosystem Restoration“ (2021-2030) – also der Wiederherstellung von Ökosystemen – leisten die Industriewälder im Ruhrgebiet einen wichtigen Beitrag. Sie stehen beispielhaft für eine neue Form des Waldes in der Stadt: wild, vielfältig, resilient – und ein sichtbares Zeichen dafür, wie Natur auf alten Industrieflächen wieder Wurzeln schlägt.