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Das Naturwaldzellen-Programm

Nordrhein Westfalen

Die Idee aus den 1930er Jahren, die wenigen noch vorhandenen Relikte naturnaher Altwälder aus der Bewirtschaftung herauszunehmen, wurde im Europäischen Naturschutzjahr 1970 erneut aufgegriffen. Sie führte zum Naturwaldzellen-Programm in Nordrhein-Westfalen.

Allgemeine Informationen

Ziel ist es, naturnahe Waldbestände, die nach Standort, Baumartenzusammensetzung und Bodenvegetation die natürlichen Waldgesellschaften gut repräsentieren, für Forschung und Lehre langfristig zu erhalten und ihrer natürlichen Entwicklung zu überlassen.

Zur Erreichung dieser Ziele wurden im ganzen Land Nordrhein-Westfalen geeignete Waldbestände durch ordnungsbehördliche Verordnung nach § 49 Landesforstgesetz ausgewiesen. Das sich ergebende Netz von inzwischen 75 Naturwaldzellen repräsentiert alle in Nordrhein-Westfalen vorkommenden natürlichen Waldgesellschaften. Entsprechend ihrer weiten natürlichen Verbreitung herrschen Buchen-Waldgesellschaften vor. Der Waldbestand in den Naturwaldzellen wird konsequent sich selbst überlassen. Bewirtschaftungsmaßnahmen sind nicht erlaubt. Anfallendes Holz darf nicht entnommen werden. Periodische Standard- und gelegentliche Spezialuntersuchungen dokumentieren die Entwicklung jeder Naturwaldzelle über einen langen Zeitraum hinweg und gewinnen somit wertvolle Erkenntnisse für die Waldökologie und die forstliche Praxis in naturnah betriebenen Wirtschaftswäldern.

Ansprechperson

Wald und Holz NRW
Michael Elmer
Kurt-Schumacher-Str. 50 b
59759  Arnsberg

Tel.: 0251/91797-291
Mobil: 0175/3630028
vCard: laden

Das Land Nordrhein-Westfalen ist heute zu 26 % mit Wald bedeckt. Das war nicht immer so. Nach jahrhundertelangem Raubbau prägten im ausgehenden 18. Jahrhundert zerstörte und verwüstete Wälder das Landschaftsbild unserer heutigen Waldgebiete. Die natürlichen Waldgesellschaften waren um 1800 bis auf Relikte verschwunden.

In dieser Zeit begannen umfangreiche Wiederaufforstungen. Neue, vom Menschen gestaltete Wälder entstanden. Die planmäßige, vom Gedanken der Nachhaltigkeit geprägte Forstwirtschaft erreichte somit die Sicherung der äußerst notwendigen Holzversorgung. Die Ursprünglichkeit der Wälder mit natürlich entwickelter Flora und Fauna konnte hingegen nicht wiederhergestellt werden. Dies war zur damaligen Zeit auch kein vorrangiges Ziel. Die besondere Verwundbarkeit der nun geschaffenen Wirtschaftswälder gegenüber den Kräften der Natur ließ den Wert naturnaher Strukturen mit der Zeit jedoch deutlich werden.

Dies führte bereits in den 1930er Jahren zu der Idee, die wenigen noch vorhandenen Relikte naturnaher Altwälder aus der Bewirtschaftung herauszunehmen. Neben dem Gedanken, sie als Naturerbe zu erhalten, sollten sie vor allem als Studienobjekte für eine moderne, naturnah ausgerichtete Forstwirtschaft dienen.

Auswahlkriterien und Stand der Ausweisung

Zur Ausweisung kommen nur Bestände in Betracht, deren Artenzusammensetzung als "naturnah" angesehen wird. "Naturnähe" ist dann anzunehmen, wenn bestandesgeschichtliche Erkenntnisse und strukturelle Gegebenheiten (Altersstruktur, Sozialstruktur, Zusammensetzung der Bodenvegetation u.a.) auf eine vergleichsweise geringe direkte Beeinflussung durch den Menschen hinweisen.

Für die räumliche Verteilung wird angestrebt, in jedem der sieben forstlichen Wuchsgebiete NRW's die typischen Standorte bzw. Standortmosaike durch eine Naturwaldzelle zu repräsentieren. In der Regel sind die Naturwaldzellen in große Staatswaldflächen eingebunden und finden sich häufig in waldreichen Landschaften (Rothaargebirge, Eifel, Eggegebirge etc.). Neun der 75 Naturwaldzellen liegen im Körperschaftswald, fünf im Privatwald und eine auf Waldflächen des Bundes.

Die Größe der einzelnen Bestände variiert zwischen 1,4 Hektar und 110 Hektar, wobei knapp die Hälfte der Naturwaldzellen in die Größenklasse 11 bis 20 Hektar einzuordnen ist. Die Gesamtfläche der Naturwaldzellen in Nordrhein-Westfalen beträgt rund 1.575 Hektar.

Hinsichtlich der zeitlichen Entwicklung der Naturwaldzellenausweisung gab es zu Beginn des Programmes einen starken Impuls. Alleine 46 der 75 Naturwaldzellen wurden in den 1970er Jahren aus der Taufe gehoben. Später nahm die Zahl der jährlichen Ausweisungen ab. Inzwischen repräsentieren die Naturwaldzellen bereits den weitaus größten Teil der in Nordrhein-Westfalen vorkommenden Standorte mit ihren natürlichen Waldgesellschaften und Lebensgemeinschaften. Sie umfassen somit ein breites Spektrum, das von weit verbreiteten mittleren und guten Böden bis hin zu seltenen und extremen Standorten reicht. Entsprechend werden für die Zukunft kaum noch Neuausweisungen angestrebt. Zielsetzung ist vielmehr, die Erweiterungsmöglichkeiten der bestehenden Naturwaldzellen zu überprüfen, deren Flächengröße noch unter den als Mindestgröße betrachteten 20 ha liegt.

Bedeutung für den Artenschutz

Waldbestände in naturnahem Zustand, die sich ungestört entwickeln, erfüllen in unserer intensiv genutzten Kulturlandschaft die Funktion ökologischer Regenerationsräume. Die so genannte Zerfallsphase uralter Waldbestände, die es im Wirtschaftswald wegen der intensiven Holznutzung häufig nicht mehr gibt, kann auf diese Weise wieder entstehen. In den Naturwaldzellen ist daher eine außergewöhnliche Vielfalt an Kleinlebewesen, Pflanzen, Pilzen, Insekten, aber auch höheren Tieren zu finden.

Das Vorkommen vieler Rote-Liste-Arten konnte im Rahmen der Spezial-Untersuchungen nachgewiesen werden, so z.B. der vom Aussterben bedrohte (RL 1) Rotbeinige Faulholzkäfer (Triplax rufipes) in der Naturwaldzelle Petersberg oder die bundesweit als extrem selten (RL R) eingestufte Pilzart Üppiger Olivschnitzling (Simocybe sumptuosa) in der Naturwaldzelle Nonnenstromberg. Besonders "spektakuläre" Tierarten sind in den Naturwaldzellen allerdings nicht zu erwarten. Das Vorkommen von z.B. Wildkatze, Luchs oder Wolf hat mit Naturwaldzellen nichts zu tun. Es sind hauptsächlich die Kleinlebewesen, die vor allem vom reichhaltigen Totholz- und Strukturangebot der Naturwaldzellen profitieren. Wenn sie auch unscheinbar erscheinen mögen, so ist ihre Bedeutung für ein im Gleichgewicht befindliches Ökosystem oftmals immens groß! Deshalb ist es hier ganz besonders wichtig, dem schleichenden Artensterben entgegenzuwirken und die letzten Regenerationsräume zu sichern und auszubauen. Im Gegensatz zu anderen Schutzgebieten sind gezielte Maßnahmen zum Erhalt oder zur Förderung bestimmter Arten jedoch grundsätzlich ausgeschlossen. Artenschutz erfolgt nur indirekt über den Biotopschutz.

Bedeutung für die Forschung

Naturwaldzellen sind die "Urwälder von morgen". Sie sind Weiser für die Forstwissenschaft, insbesondere den Waldbau, den Waldschutz und die Waldökologie. Aus der wissenschaftlichen Beobachtung der Entwicklungsabläufe in ungestörten, naturnahen Waldökosystemen lassen sich wesentliche Erkenntnisse für eine naturnahe, ökosystemgerechte Behandlung, Pflege und Nutzung unserer Wirtschaftswälder ableiten. Dies ist eine der Voraussetzungen dafür, dass die Forstwirtschaft ihren Auftrag zur Schaffung, Pflege und Erhaltung standortgemäßer, ökologisch stabiler und leistungsstarker Bestockungen erfüllen kann.

Zu Forschungszwecken ist deshalb in den Naturwaldzellen eine Kernfläche von i.d.R. 2 x 1 ha Flächengröße ausgewiesen, deren eine Hälfte wilddicht gegattert ist. Dadurch wird es möglich, im direkten Vergleich den Einfluß des Wildes erkennen und bei den Auswertungen berücksichtigen zu können. Die Kernflächen werden in typische Bestands- und Standortgegebenheiten gelegt. Innerhalb dieser Flächen ist jeder Baum und jeder Strauch mit einem Stammdurchmesser von mehr als 4 cm in 1,30 m Höhe nummeriert.

Herzstück der wissenschaftlichen Untersuchungen ist die auf Dauer angelegte, im 10-jährigen Rhythmus erfolgende waldkundliche Zustandserfassung der Kernflächen. Hierbei werden einzelbaumweise verschiedene Parameter dokumentiert, um Veränderungen der Einzelbäume - und damit Entwicklungsabläufe des Waldgefüges - über lange Zeitreihen hinweg nachhalten zu können.

Parameter lebender Baumbestand
  • Stammdurchmesser in 1,30 m Höhe,
  • Baumhöhe (Stichprobenaufnahme),
  • Schichtzugehörigkeit (Ober-, Mittel, Unterschicht),
  • Vitalitätsklasse (vital bis kümmerlich),
  • Dynamikklasse (vorwachsend bis zurückbleibend),
  • Kronenklasse (langkronig bis abgebrochen)
  • Gesundheitszustand (ggfl. Schadursache mit Angabe der Intensität von gering bis stark).
Parameter toter Baumbestand
  • Klassifikation (liegendes Totholz, stehendes Totholz mit/ohne Krone),
  • Zersetzungsstufe (frisch tot bis stark vermodert).

Zum Standard-Untersuchungsprogramm gehören des Weiteren die Erfassung der Baumverjüngung und der Bodenvegetation. Bodenfeinkartierungen werden erarbeitet (Geologischer Dienst NRW) und flächige Veränderungen anhand von Luftbildaufnahmen in regelmäßigen Abständen dokumentiert. Spezialuntersuchungen zielen auf bestimmte Kompartimente der Waldlebensgemeinschaft ab, die für das Wirkungsgefüge Wald eine wichtige oder sogar eine Schlüsselposition einnehmen. Sie beziehen sich i.d.R. auf die Vogel- und Käferfauna, Pilze, Moose und Flechten.

Der Forschungszweck der Naturwaldzellen lässt sich mit folgender Aussage sehr gut auf den Punkt bringen: "In diesen "Freilandlaboratorien" soll beobachtet, gemessen, bewiesen und geschlussfolgert werden, was sonst lediglich geahnt, geglaubt oder behauptet wird." (Olaf Rüffer und Jan Engel, Landesforstanstalt Eberswalde)

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