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Grünastabbrüche werden zur Gefahr

09.08.19Pressemitteilung

„Regionalforstamt Ruhrgebiet“ – „Hier ist Meier (Name geändert) aus Oer-Erkenschwick, gestern bin ich noch auf dem Waldweg XY spazieren gegangen, heute liegt da ein 40 - 50 cm dicker Ast auf dem Weg, wenn der jemanden getroffen hätte…“

So oder ähnlich lauten zurzeit manche Horrormeldungen am Telefon, nicht viele, doch immer mehr. Und wenn man mit offenen Augen, manchmal auch Ohren durch den Wald geht, sieht und selten hört man sie: noch grün belaubte Äste in jeder Stärke liegen schon auf dem Boden, brechen unvermittelt ab, ohne jede Vorwarnung, ohne äußere Zeichen, dass mit dem Baum oder dem Ast etwas nicht stimmt. Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn im Moment des Abbrechens jemand von diesem mehrere hundert Kilo schweren Ast getroffen worden wäre!

Trockene Äste kann man erkennen, das Gefahrenpotenzial einschätzen, Vorsorge treffen. Vor Gefahren, die man erkennen kann, kann man sich wirksam schützen. Doch grüne Äste, die einfach so, ohne Vorwarnung, ohne Wind- oder Sturmeinwirkung abbrechen und zur tödlichen Gefahr werden können, dagegen gibt es keine Vorsorge. Dieses Phänomen gibt es nicht nur im Wald, sondern auch bei Straßen- und Parkbäumen. Fachleute nennen sie Grünastabbrüche.

Häufig in den Abendstunden, aber auch tagsüber, brechen sie ab: vom Stamm, aus der Krone, völlig unvermittelt, gefährlich, ohne jede Vorankündigung. Wer unter einen solchen Ast gerät, hat kaum eine Chance. Das macht sie gefährlich.

Eine eindeutige Erklärung für dieses Phänomen gibt es bisher noch nicht. Eine mögliche These – von mehreren: Als Ergebnisse großer Spannungsunterschiede im Holz aufgrund des zurzeit herrschenden Wassermangels im Boden können die Bäume nicht so viel Wasser aufnehmen, wie sie eigentlich bräuchten, um ihre Versorgung mit Wasser und Nährstoffen sicherzustellen. Die Bäume haben keine „Wasserleitungen“ wie ein Gartenschlauch, sondern nur mehr oder minder halbdurchlässige Zellen. Die Krone des Baumes „schickt“ eine Anforderung an die Wurzeln: Saug mal Wasser! So wird das Wasser von den Kronen aus dem Boden gesaugt und muss seinen mühsamen Weg über all die Zellen durchlaufen, bis es dort ankommt, wo es gebraucht wird: in den Blättern, zur Photosynthese.

Ist kein Wasser oder nicht genügend Feuchtigkeit vorhanden, wird Luft angesaugt. Fatal für den Baum, fatal für Spaziergänger: der Druck in den Zellen, der Fachmann spricht von Turgordruck, fällt ab, es entsteht eine Luftembolie, die Zellen verlieren ihre Spannung und können das Gewicht der Äste nicht mehr tragen. Und dann passiert das, was passieren muss, wenn der Baum das Gewicht der Äste nicht mehr tragen kann: der Ast bricht ab. Voll belaubt, ohne Vorwarnung, rauscht er zu Boden.

Und noch eins: Der Wald wird zum Zwecke der Erholung grundsätzlich auf eigene Gefahr betreten. Gegen das Abbrechen von trockenen Ästen oder toten Bäumen wird etwas getan, zumindest entlang von Straßen und Gebäuden, im Regelfall aber nicht entlang von Waldwegen, schon gar nicht im Waldbestand außerhalb der Wege, das kann man als Waldbesucher auch erkennen. Das gehört zum Wald, zum Ökosystem. Das ist das Werden und Vergehen.

Gegen das Abbrechen von grünen Ästen ist keine Vorsorge möglich, auch nicht entlang der Straßen und der Gebäude. Das gehört zum Lebewesen „Baum“ dazu. Und in der momentanen Häufung ist das Abbrechen wohl auch eher klimabedingt.

Das Phänomen der Grünastabbrüche war bisher nur vereinzelt in heißen Sommern mit Regendefizit zu beobachten. Eigentlich ein normales Phänomen, doch die nun zu beobachtende Häufung ist besorgniserregend. Aber was ist an unseren Sommern noch normal?

2017 hatten wir ein Niederschlagsdefizit, die Bäume sind schon mit wenig Wasser im Boden in das Jahr 2018 gestartet. Dazu kamen verschiedene Stürme. Das hat dazu geführt, dass die Bäume viele von ihren Feinwurzeln – diese sind u. a. für die Wasseraufnahme verantwortlich – durch das Hin- und Herschwanken verloren haben. Neubildungen? Fehlanzeige, denn der Sommer 2018 war zu heiß. Und zu trocken.

Dann kam das Frühjahr 2019. Die Bäume haben mit ihren letzten Reserven neue Blätter ausgetrieben. Mitten im Austrieb kam erneut die Trockenheit. Folge: die Blätter, vor allem der Buche, rollten sich zusammen, damit sie der Sonne weniger grüne Blattmasse (Assimilationsfläche) bieten, um so den Wasserbedarf und den –verbrauch zu reduzieren.

Aber der Regen lässt auf sich warten. Das Ergebnis sieht man überall: absterbende Bäume, vor allem Buchen. Eine Buche, die ihre Blätter im Frühjahr oder Sommer und nicht erst im Herbst verliert, hat im Kampf ums Dasein verloren. Sie ist einfach fertig. Fertig mit dieser Welt, mit der von uns Menschen zu verantwortenden Umwelt.

Nur kommt sie nicht in den Himmel, sondern wird bestenfalls als Kaminholz durch den Schornstein gejagt. Naja, auch ein bisschen Himmel. Aber als verbautes Holz, als wichtiger Werkstoff, als Helfer im Klimawandel scheidet unsere Buche nun aus.

Ach ja, Klimawandel. Ist klar, unser momentanes Wetter, unsere Klimaveränderungen sind das Ergebnis einer hausgemachten Erhöhung der Temperaturen. Darin sind sich inzwischen die Mehrzahl der Wissenschaftler einig, seit 35 Jahren werden es jährlich immer mehr.

Reinhart Hassel

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