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10. Salon auf Hohenroth

16.10.19

Wie wollen wir leben: Astrophysikerin Dr. Sybille Anderl gibt Antworten
Unsere Erde ist nie Plan B, sondern muss immer Plan A sein.

Sie ist einzigartig und gerade deshalb so wertvoll – auch wenn das Universum unendlich ist, da es sich ständig ausdehnt, verändert, vergeht und irgendwo wieder „aufploppt“. – Eindringlich, mahnend und gradlinig formulierte die junge, sympathische, wortgewandte Astrophysikerin und Philosophin Dr. Sybille Anderl ihren Appell an die rund 70 Gäste beim diesjährigen 10. Salon auf Hohenroth. „Der Nobelpreis rückt das Thema Astrophysik, insbesondere zu den Exoplaneten und zur Hintergrundstrahlung, in den Fokus der Öffentlichkeit. Diese Auszeichnung ist überraschend und macht mich sehr glücklich! Über 4.100 solcher leuchtarmen Planeten sind seit der Entdeckung des ersten Exoplaneten im Jahr 1995 gesichtet worden“, sagte die junge Wissenschaftlerin. Und fügte eindringlich hinzu: „Nur ein Bruchteil des Universums erlaubt Leben – dass wir auf einem dieser Planeten leben, ist ein Zufall, für den wir dankbar sein sollten. Trotz der Entdeckung der vielen wahrscheinlich habitablen, also lebensfreundlichen Exoplaneten gibt es für die Menschheit keine Ausweicherde!“ Thomas Vehoff vom Arbeitskreis Salon auf Hohenroth begrüßte die geladenen Gäste im Auditorium des Waldland Hohenroths zu einem intensiven und nachhaltigen Dialogabend in der jährlich stattfindenden Salon-Reihe: „Hinter dem Horizont geht’s weiter – wie wollen wir leben?“ „Die Titelfrage unseres diesjährigen Jubiläums-Salons hat gerade durch den in der vergangenen Woche verliehenen Physik-Nobelpreis eine ganz besondere Prägnanz erhalten“, betonte er.

Mehr Achtung und Wertschätzung für das Universum und besonders für die Erde forderte Dr. Sybille Anderl im intensiven Dialog mit dem Siegener Lyriker Crauss., der als souveräner Moderator fungierte, immer wieder ein. – Und erhielt von den Salongästen viel Applaus für ihren gelungenen Versuch, die komplizierten Aspekte der Astrophysik verständlich, anschaulich und punktgenau darzulegen. Wie wollen wir leben? Dieser Frage ging die junge promovierte Astrophysikerin und Philosophin mit feinfühligem Humor nach. Die Vermittlung von komplizierten Themen – das gehört seit kurzer Zeit zu dem Berufsalltag von Sybille Anderl und ist der Schwerpunkt ihrer redaktionellen Beiträge für das Wissenschaftsressort und das Feuilleton der F.A.Z.: „Junge Wissenschaftler führen ein Nomadenleben“, erklärte sie ihren Wechsel von der Wissenschaftlerin zur Redakteurin. „Hinzu kommt, zumal in Deutschland, dass eine langfristige finanzielle Sicherheit und eine Spezialisierung auf ein Fachthema kaum realisierbar sind. So wurde ich vom Akteur zum Zuschauer der Astrophysik“, räumte Sybille Anderl schmunzelnd ein, „allerdings nicht so ganz, denn weiterhin forsche ich als Gastwissenschaftlerin am Institut de Planétologie et d’Astrophysique de Grenoble.“ Selten, so gestand sie im Interview mit Crauss. ein, gelingt einem einzelnen Wissenschaftler eine bahnbrechende Erkenntnis, „aber auch die Erforschung von Babysternen macht Spaß.“ Astrophysik, insbesondere in Wechselwirkung mit moderner Wissenschaftsphilosophie, wie Sybille Anderl sie in Grenoble betreibt, basiert auf mathematisch belegten, sauber analysierenden Computermodellen, und kann immer wieder Teilantworten auf die fundamentalsten Fragen unserer menschlichen Existenz geben. „Mit unserer Forschung versuchen wir den großen, alten, im Kern philosophischen Menschheitsfragen nach dem Kosmos und unserem Platz darin näher zu kommen. Jeder Antwort allerdings folgt immer vielfältig Offenes, Unverstandenes, auch wenn wir den Kosmos heute sehr viel besser verstehen als die Wissenschaftler vor 100 Jahren.“ Heute, so führte die Wahl-Frankfurterin aus, die als Tochter einer Künstlerfamilie in Oldenburg aufgewachsen ist, können viele Leitprinzipien empirisch, mathematisch, analysiert per Test nachgewiesen werden. „Wir leben im dem privilegierten Zeitalter der empirischen Messbarkeit. Aus der reinen Theorie vieler Thesen, wie etwa zur Hintergrundstrahlung, mit der sich die Entstehung des Universums und der Planeten bis zum Urknall belegen und verstehen lässt, sind beweisbare, belegbare Tatsachen geworden. Big-Data lässt allerdings auch hier grüßen – die Frage, welche Daten wirklich relevant sind, ist dabei ebenso philosophisch wie die Frage der eigenen Relevanz, der Machbarkeit von Projekten wie der Besiedlung des Mondes oder der Raumfahrt für einige wenige Reiche.“

Mut, neue Wege zu gehen und querzudenken: Im Dialog mit dem Moderator und dem Salonpublikum gab die junge Wissenschaftlerin auch Einblicke zu ihrem Werdegang: „Als Kind war ich bekannt als die, die gut zeichnen kann, nicht als die, die gut rechnen kann. Für eine Künstlerkarriere war ich zu bequem und zu schüchtern – und doch illustriere ich immer noch sehr gern, etwa mein erstes Buch, und bringe Wissenschaftler und Künstler in Projekten zusammen.“ Als junge Frau in der Männerdomäne Astrophysik machte sie deutlich, wie schwer es sein kann, in frauenuntypischen Berufen Fuß zu fassen. „Als Astrophysikerin und Philosophin war ich immer eine Exotin. Heute, durch meine Arbeit als Wissenschaftsredakteurin, kann ich eine wichtige Brücke bilden zwischen der Wissenschaft und der normalen Welt – und eine Lanze schlagen für mathematisch, analytisch, rational denkende Frauen. Gerade, weil ich mir sicher bin, dass es hinter dem Horizont weiter geht, ist es mir wichtig, kosmologische Zusammenhänge rund um die großen Fragen der Menschheit wissenschaftlich zu beantworten!“


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